Vorwort

donaufestival 2016 – redefining arts

Die gesellschaftspolitische Aufgabe von Kunst kann nicht darin bestehen, im aufgeklärten, bürgerlichen Sinn gesellschaftskritisch zu sein. Dafür gibt es weit geeignetere Medien und Zuständigkeiten! Kunst, wenn wir sie ernst nehmen, ist vielmehr die fundamentale Aufhebung des Normativen, die sinnliche wie intellektuelle Erfahrung einer anderen möglichen Welt. Indem sie uns die Nicht-Norm, den radikal anderen Blick auf die uns umgebende Welt ermöglicht, stellt sie einerseits das gesamte System unseres Denkens, Empfindens und Handelns in Frage und eröffnet andererseits utopische Möglichkeitsfelder, die das Potential einer grundlegenden Neuausrichtung von Denken und Handeln in sich tragen.
Dass angesichts der menschlichen Tragödien von Krieg, Terror, Ausbeutung, Unterdrückung, Umweltzerstörung und der daraus resultierenden Flucht die große Krise des Abendlandes ausgerufen wird, ist nicht unbegründet! Die gegenwärtige Situation ist das Ergebnis unseres noch immer zutiefst kolonialen und imperialen Denkens und Agierens!

Das künstliche Paradies der humanistischen abendländischen Werte basiert jedoch auf einem monetären wie intellektuellen Reichtum, der nur durch Unterdrückung und Ausbeutung „der Anderen“ entstehen konnte. Angesichts dieser historischen, wie noch immer aktuellen Tatsache ist das verzweifelte Hochhalten der westlichen Werte - verbunden mit einer aggressiven weiteren Abschottung und Ausgrenzung – der hilflose Ausdruck des Scheiterns eines neuen Denkens und Handelns in der abendländischen Welt. Die pervertierte Falschdeutung dieser Werte durch rechte AggressionstreiberInnen einerseits, und die zutiefst verachtenswerten Gräueltaten ihres ungeistesverwandten Lagers von 9/11 bis Bataclan andererseits, sind die tragischen Symptome des Versagens antiimperialistischen wie antikolonialen Gedankengutes.

Das donaufestival 2016 versteht sich als Manifest der Nicht-Norm, des anderen, des postkolonialen Blicks auf eine Welt des Grauens. Aber die Statements unserer KünstlerInnen sind auch Ausdruck von Hoffnung und
Utopie, ein Appell zu einem neuen Denken, Handeln und Empfinden.

Ich bedanke mich beim besten Festivalteam, das man sich wünschen kann, bei meinen wunderbaren Ko-KuratorInnen Istvan Gyöngyösi, Gabrielle Cram und Klaus Moser, unseren grandiosen KünstlerInnen und bei unserem nicht weniger grandiosen Publikum und somit für eine sensationelle Zeit in Krems! Und ich melde mich schon jetzt als Stammgast bei meinem Nachfolger und hochgeschätzten Kollegen Thomas Edlinger ab dem Frühling 2017 an.

Tomas Zierhofer-Kin
Künstlerischer Leiter donaufestival